Außensanierung der Kirche St. Sebastian in Furth – Und eine besondere Ehre

Pfarrer Martin Popp gab mir die Möglichkeit, wie auch mein Vorvorgänger vor ca. 50 Jahren eine Schrift in die Zeitkapsel der Kirche unterhalb des Turmkreuzes einzulegen. Es ist gar nicht so einfach, sich Gedanken zu machen, wie die Menschen in 50 oder eher 100 Jahren auf uns und unsere Zeit schauen.  Hier ist der Text, den ich einlegen durfte.

Sanierung der katholischen Kirche St. Sebastian
Beitrag zur Inschrift der Kreuzkapsel – eingesetzt am 20. November 2025

An die Menschen, die diese Zeilen in 50 oder 100 Jahren lesen,

ich schreibe diesen Text im Jahr 2025 als Erster Bürgermeister der Gemeinde Furth im Landkreis Landshut (3.650 Einwohner) in Niederbayern. Anlass ist die Sanierung unserer Pfarrkirche St. Sebastian. Die politische Gemeinde hat diese Maßnahme mitfinanziert und übernimmt 5 % der Kosten – ein bewusstes Zeichen dafür, dass uns diese Kirche als Wahrzeichen, Erinnerungsort und geistlicher Anker wichtig ist.

Furth ist seit gut 50 Jahren eine aufstrebende Gemeinde. Schon unter meinem Vorgänger und ebenso in meiner Amtszeit haben wir uns konsequent an der nachhaltigen Entwicklung orientiert – lange bevor dieses Wort überall in aller Munde war. Aus einem eher armen Ort ist eine Gemeinde geworden, die heute als Vorbild gilt: hohe Lebensqualität, eine starke soziale Infrastruktur und eine Bildungslandschaft, die von der Kinderbetreuung ab dem ersten Lebensjahr bis zum Abitur reicht – und das alles in einem kleinen Dorf im ländlichen Raum.

Das hat seinen Preis: Wir stehen unter hohem Zuzugsdruck, vor allem aus dem Großraum München. Viele Menschen ziehen zu uns, weil sie hier Ruhe, Gemeinschaft und Natur suchen, ohne auf gute Anbindung zu verzichten. Die Kriminalitätsrate ist niedrig, die Lebenszufriedenheit hoch – das spürt man im Alltag, auf dem Dorfplatz, in den Vereinen, in der Schule.

Und doch sind wir, wie man heute sagt, ein „Schlafdorf“. Die meisten Arbeitsplätze liegen nicht vor Ort, sondern in der Region: in Landshut, München, Ingolstadt, Regensburg. Unsere großen Arbeitgeber sind die Automobilindustrie (BMW, Audi und viele Zulieferer), der öffentliche Dienst und der Flughafen München, der in etwa einer halben Stunde erreichbar ist. Unter der Woche bedeutet das: morgens lange Autoschlangen heraus und abends zurück. Wenn ihr euch fragt, warum die Menschen „damals“ so viel im Auto saßen: Der individuelle Autoverkehr ist für uns (noch) die einfachste, flexibelste und gefühlt günstigste Art der Fortbewegung. Diesel und Benzin kosten um die 1,65 Euro pro Liter, immer mehr Autos fahren mit Strom, der Haushaltsstrom liegt um etwa 30 Cent pro Kilowattstunde. Bus und Bahn können da oft nicht mithalten – strukturell wie preislich. Aber wir versuchen gegenzusteuern: Ab 1. Januar 2026 starten wir ein neues Buskonzept mit Stundentakt. Es ist ein Experiment: Wir wollen sehen, ob die Menschen bereit sind, das Auto stehenzulassen, wenn das Angebot verlässlich ist.

Wenn ich mit älteren Furtherinnen und Furthern spreche, höre ich oft: „Früher war der Zusammenhalt größer.“ Gerade jene Familien, die seit Generationen hier leben, die „alten Further“, die viel Grund besitzen und das Ortsbild bis heute prägen, sehen kritisch auf die Veränderungen. Und ja: Manche Traditionen sind schwächer geworden, manches Miteinander ist brüchiger geworden, vieles ist anonymer.

Gleichzeitig dürfen wir nicht romantisieren: Es herrschte früher auch eine deutliche Armut. Eine oft erzählte Geschichte ist die der „Further Strohbettler“. Furth war Hofmark, viele Menschen hatten kaum eigenen Grund, vielleicht ein kleines Gärtchen, eine Ziege oder ein Schwein. Stroh zum Einstreuen fehlte. Also ging man zu den großen Bauern der umliegenden Dörfer, um Stroh zu erbetteln – daher der spöttische Beiname. Auf uns wurde herabgeschaut. Heute hat sich das Blatt gewendet: Die gleichen Orte, die früher auf uns herabschauten, blicken mit Respekt – und manchmal mit Neid – auf das, was hier entstanden ist. Durch Zuzug, wirtschaftliche Entwicklung und kluge kommunale Entscheidungen ist unsere Gemeinde sozial, kulturell und wirtschaftlich deutlich breiter aufgestellt.

 

Die St.-Sebastian-Kirche, unter deren Kreuz diese Kapsel liegt, hat in dieser Entwicklung eine stille, aber wichtige Rolle gespielt. Früher hatte der katholische Glaube das Dorfleben viel stärker im Griff: mehrere Gottesdienste pro Woche, volle Kirchen, religiöse Feste als selbstverständliche Fixpunkte des Jahres.
Durch die kirchliche Strukturreform wurden die Pfarreien zusammengelegt, es gibt weniger Priester und deutlich weniger Gottesdienste vor Ort. Heute kommen die Gläubigen aus einem größeren Gebiet zusammen, dafür sind es insgesamt weniger. Viele sind noch Mitglied der katholischen Kirche, aber die Austrittszahlen sind hoch, und im sonntäglichen Gottesdienst trifft man nur wenige Further. Der Glaube ist längst nicht mehr die selbstverständliche Mitte des Dorflebens.

Besonders deutlich spüre ich die Veränderung bei Beerdigungen. Früher waren Beerdigungen großer, bekannter Gemeindebürger fast wie kleine Staatsakte: die Kirche voll, der Friedhof voll, der Kirchenchor sang, und nahezu jeder kannte den Verstorbenen persönlich. Ich selbst habe viele Jahre im Kirchenchor gesungen. Weil das Rathaus gleich gegenüber der Kirche liegt, war ich bei vielen Beerdigungen dabei. Heute ist das selten geworden. Viele der Verstorbenen sind Zugezogene, oft nicht so tief im Dorf verwurzelt. Corona mit seinen Einschränkungen in den Jahren 2020 bis 2022 hat die Tradition des gemeinsamen Singens bei Beerdigungen zusätzlich geschwächt – viele Rituale sind seitdem nicht mehr richtig zurückgekehrt.
Gleichzeitig verändert Migration unsere religiöse Landschaft. Menschen aus dem arabischen Raum und anderen Regionen kommen zu uns und bringen ihren (oft muslimischen) Glauben mit. Wenn ihr diesen Text in 50 oder 100 Jahren lest, wird mich brennend interessieren, was aus dieser Entwicklung geworden ist: Steht hier noch eine katholische Kirche? Ist sie eine ökumenische Kirche, eine Moschee, ein Kulturraum? Oder etwas, das wir uns heute gar nicht vorstellen können?

Die kommunale Politik in Furth erlebe ich – Stand 2025 – als großen Glücksfall. Wir haben aktuell zwei Fraktionen im Gemeinderat: Freie Wähler und CSU. Die Zusammenarbeit ist konstruktiv, respektvoll und parteiübergreifend. Wer als Außenstehender in eine Sitzung kommt, könnte kaum sagen, wer zu welcher Fraktion gehört – die Entscheidungen orientieren sich eher an der Sachfrage als an der Parteifarbe. Das ist gelebte, funktionierende Demokratie im Kleinen. Mit den kommenden Kommunalwahlen ist zu erwarten, dass wieder eine dritte Kraft – die SPD – in den Gemeinderat einzieht. Ich hoffe, dass dieser Geist des Miteinanders bleibt.

Besonders stolz bin ich auf den Mut unseres Gemeinderats. Ein Beispiel ist der Kauf des Klosters im Jahr 2015 und die Entweihung der Herz-Jesu-Kirche im Jahr 2018, die heute als Bürgersaal genutzt wird. Das war eine schmerzhafte, zugleich sehr zukunftsweisende Entscheidung. Wir haben viel Geld in die Hand genommen, um das Kloster als „Bürger- und Bildungshügel“ weiterzuentwickeln. Typisch für unsere kommunale Kultur ist dabei: Wir entscheiden nicht erst, wenn alles zu 100 % durchgeplant ist. Oft treffen wir unsere Entscheidungen bei 80 % Wissensstand und nutzen das „Window of Opportunity“ – das Zeitfenster, in dem Förderungen, politische Mehrheiten und gesellschaftliche Stimmung zusammenpassen. Dieser Mut, auch mit Restunsicherheit zu handeln, hat uns in den letzten Jahrzehnten vorangebracht.

Wenn ich an Natur und Klima denke, fällt mir vor allem eines auf: Die Wetterextreme haben zugenommen. Hitzeperioden und Starkregenereignisse, wie wir sie heute erleben, kannte man vor 20–30 Jahren in dieser Häufung nicht. Für unsere Wälder bedeutet das: Der Borkenkäfer breitet sich in trockenen Jahren massiv aus und tötet große Bestände. Für unsere Landwirtschaft bedeutet es: Trockenheit gefährdet Ernten und Wasserreserven. Selbst unser Further Bach, unsere kleine Lebensader durch den Ort, führt in manchen Sommern nur noch wenig Wasser; sein Lebensraum ist geschwächt.

Auf der anderen Seite erleben wir Starkregen, bei denen in kurzer Zeit enorme Wassermengen vom Himmel fallen, die unsere bestehende Infrastruktur an die Grenze bringen. Wir führen das – wie viele – auf den globalen Klimawandel zurück. Gleichzeitig ist eine große Debatte entbrannt: Deutschland trägt nur einen kleinen Teil zu den weltweiten CO₂-Emissionen bei und versucht dennoch, in kurzer Zeit weitgehend zu dekarbonisieren. Andere große Staaten gehen den gegenteiligen Weg oder bremsen. Ob unsere Anstrengungen am Ende wirklich einen spürbaren Unterschied machen oder ob wir uns übernommen haben – darauf wird eure Generation eine klarere Antwort haben als wir.

Ein weiterer großer Umbruch unserer Zeit ist die Digitalisierung und speziell die Künstliche Intelligenz. Seit ca. einem Jahr haben sogenannte „Large Language Models“ – KI-Sprachsysteme – den Alltag erreicht. Sie können Texte schreiben, übersetzen, beraten, programmieren, entwerfen. In der Verwaltung, in der Bildung, in der Wirtschaft entsteht eine völlig neue Art zu arbeiten: schneller, individueller, ortsunabhängiger. Auch ich nutze diese Technik, um Ideen zu sortieren, Texte zu entwerfen, komplexe Informationen zu strukturieren.

Gleichzeitig machen uns diese Entwicklungen extrem abhängig von digitalen Systemen. Stromnetze, Verkehr, Kommunikation, Verwaltung – alles läuft über digitale Infrastruktur. Ein längerer Stromausfall oder ein großflächiger Angriff auf Netze wäre für unsere Gesellschaft heute kaum vorstellbar – und doch ist es ein reales Risiko. Kriege ändern sich: Neben Panzern und Gewehren gibt es Drohnen, Cyberangriffe, hybride Strategien. Der Krieg in der Ukraine seit dem 24.02.2022 zeigt, wie präzise heute aus der Ferne angegriffen werden kann. Diese Verwundbarkeit der digitalen Welt ist eine der großen Sorgen unserer Zeit.

Gesellschaftlich erleben wir in Deutschland – und auch in unserer Gemeinde – Spannungen. Die größte Spaltung verläuft weniger zwischen Nachbarn als zwischen politischen Lagern und Weltbildern. Populistische Kräfte gewinnen Zulauf, weil sie einfache Antworten auf komplexe Fragen versprechen. Gerade beim Thema Migration und Flucht prallen Haltungen hart aufeinander: Die einen betonen die humanitäre Pflicht und die wirtschaftliche Notwendigkeit von Zuwanderung, die anderen sagen „Wir können nicht mehr – sollen doch die anderen“.

Ich persönlich halte gesteuerte Migration für notwendig. Der Hintergrund ist der demographische Wandel: Die geburtenstarken Jahrgänge der sogenannten Babyboomer (etwa 1955–1965) gehen in Rente. Es sind zu wenige junge Menschen da, um all diese Arbeit und die Finanzierung des Rentensystems aufzufangen. In den nächsten zehn Jahren wird sich das dramatisch bemerkbar machen – in der Pflege, in der medizinischen Versorgung, im Handwerk, in der öffentlichen Daseinsvorsorge. Es gibt im Grunde nur zwei Wege: Entweder wir reduzieren Standards und verzichten auf Leistungen, oder wir holen Menschen von außen hinzu, die hier leben und mitarbeiten wollen.

Unsere Region gehört zu den wirtschaftlich starken Gebieten Deutschlands. Der Süden – und insbesondere Südbayern mit Niederbayern – steht vergleichsweise gut da. Der Landkreis Landshut hat Prognosen zufolge starke Wachstumschancen bis 2040. Das gibt uns etwas Luft und macht uns attraktiv für Zuzug. Ob das wirklich reicht, um den demographischen Druck abzufangen, wird sich zeigen – vielleicht wisst ihr es schon längst, wenn ihr diesen Text lest.

Zum Schluss noch ein sehr persönliches Wort.

Ich schreibe diese Zeilen als evangelischer Christ. Meine Hoffnung ist, dass es auch in eurer Zeit noch ein christliches Menschenbild gibt – oder zumindest die Idee, dass der Mensch mehr ist als seine Funktion in Wirtschaft und System. Für mich ist entscheidend, dass durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi Gottes Barmherzigkeit und Gnade über uns Menschen liegt und dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Das gibt mir Mut, Entscheidungen zu treffen, auch wenn ihr Ausgang offen ist. Es nimmt nicht die Verantwortung, aber die lähmende Angst davor, vielleicht zu scheitern.

Wenn ihr diese Kapsel öffnet – wer immer ihr seid, in welcher politischen Ordnung, in welchem Glauben, in welchen technischen Welten ihr lebt –, dann wünsche ich euch zweierlei:

Erstens: Habt Mut. Trefft Entscheidungen, auch wenn ihr nur 80 % wisst. Nutzt die Chancen, die sich bieten, bevor sie wieder verschwinden. Hängt nicht an dem, was vielleicht einmal war, sondern gestaltet, was werden kann.

Zweitens: Vertraut darauf: Ihr seid nicht allein! Ob ihr das nun in einem religiösen Sinn versteht oder im Sinn von Gemeinschaft. Wir sind als Menschen aufeinander angewiesen. In meiner Zeit versuche ich, für die Menschen, für die ich Verantwortung trage, ein Stück Sicherheit, Vertrauen und Zukunft zu schaffen. Ich hoffe, dass ihr es in eurer Zeit genauso haltet – vielleicht klüger, vielleicht freier von manchen unserer Fehler, aber mit demselben Wunsch: dass dieses kleine Dorf Furth ein guter Ort zum Leben für alle Menschen bleibt.

Mit herzlichen Grüßen aus dem Jahr 2025

Andreas Horsche
Erster Bürgermeister der Gemeinde Furth

 

PS: Das Bild wurde natürlich von der KI erstellt und soll den Korridor zwischen einer Utopie und einer Dystopie der Zukunft greifbar machen.