Das Rathaus und die Jahreszeiten

Es gibt Menschen, die glauben, die vier Jahreszeiten seien eine Erfindung der Natur. Das stimmt natürlich nicht. Die vier Jahreszeiten wurden ausschließlich zu dem Zweck geschaffen, damit im Rathaus immer jemand Grund zur Beschwerde hat.

Der erste Schnee fällt. Es ist sieben Uhr dreißig. Das Telefon klingelt. „Der Winterdienst war noch nicht da!“ Zur gleichen Zeit zieht irgendwo ein Sechsjähriger seine Schneehose an und hofft inständig, dass der Winterdienst noch möglichst lange nicht kommt. Denn eine geräumte Straße ist für Erwachsene Sicherheit und Ordnung. Für Kinder ist sie eine Katastrophe. Ein geräumter Hang ist ein amputierter Schlittenberg. Zwei Stunden später beschwert sich jemand über den Schneehaufen vor seiner Einfahrt. Dabei ist seit drei Stunden derselbe Schneehaufen für drei Kinder die Alpen, eine Burg, oder der Lieferant für Schneebälle. Dann kommt der Frühling.

Die Sonne zeigt sich genau zweimal. Es hat 18 Grad. Punkt acht Uhr erreicht die erste Anfrage das Rathaus: „Warum läuft der Dorfbrunnen eigentlich noch nicht?“ Man spürt förmlich den Durst des Dorfplatzes. Kurz darauf folgt: „Wann wird heuer der Sandkasten aufgebaut werden?“ Als gäbe es irgendwo einen geheimen Sandkasten-Notstand, der vom Deutschen Wetterdienst ausgerufen wird. Herausforderung fürs Rathaus: ist der Anrufer wohlmeinend im Sinne von: ich wünsche mir meinen Dorfstrand? Oder ist bereitet er gerade die Unterlassungsklage für die anbrechende Saison vor?

Der Bauhof hat inzwischen gelernt, dass zwischen „noch Winter“ und „endlich Frühling“ exakt zwölf Minuten liegen können. Im Sommer wird es noch schöner. Familien freuen sich über spielende Kinder auf dem Dorfplatz. Kinder freuen sich über den Brunnen. Jugendliche freuen sich darüber, dass überhaupt jemand draußen ist und man in den Liegstühlen des Dorfstrandes chillen kann. Gastronomen freuen sich über volle Tische. Und zeitgleich entdeckt jemand das eigene geöffnete Schlafzimmerfenster. „Das ist ja unerträglich laut!“

Nun beginnt das Wunder kommunaler Verwaltung. Denn wir im Rathaus sollen gleichzeitig dafür sorgen, dass Kinder draußen spielen – aber bitte leise. Dass die Außengastronomie floriert – aber geräuschlos und nur von 11.30 Uhr bis 13.00 Uhr, denn dann möchte man Mittagsschlaf machen können – an der stärkstbefahrenen Staatsstraße Niederbayerns.
Ich der Bürger möchte:
dass der Brunnen sprudelt – aber nicht spritzt.
dass Schnee fällt – aber ausschließlich auf Felder.
dass Straßen frei sind – allerdings ohne Schneepfluggeräusche
und selbstverständlich sollen die Steuern niedrig bleiben, während alle Leistungen schneller, umfangreicher und am besten schon gestern erbracht werden.

Der Bürgermeister entwickelt mit den Jahren eine besondere Fähigkeit. Er hört denselben Dorfplatz in völlig verschiedenen Versionen. Für die einen ist er zu laut. Für die anderen zu leer. Zu heiß. Zu kalt. Zu langweilig. Zu lebendig.

Es ist derselbe Platz. Nur die Betrachter wechseln. Vielleicht ist genau das das eigentliche Wesen einer Gemeinde. Sie besteht nicht aus einer einzigen Wahrheit, sondern aus mehreren hundert kleinen Wahrheiten, die sich hartnäckig weigern, gleichzeitig wahr zu sein. Das Rathaus sitzt mittendrin. Es ist eine Art Übersetzungsbüro für Erwartungen. Hier wird versucht, den Wunsch nach Ruhe in den Wunsch nach Leben zu übersetzen. Den Wunsch nach Sicherheit in den Wunsch nach Freiheit. Den Wunsch nach Spiel in den Wunsch nach Ordnung. Manchmal gelingt das. Manchmal auch nicht.

Aber ist das nicht doch ein schönes Zeichen? Unsere Gemeinde lebt! Denn wo niemand mehr widerspricht, wo niemand mehr etwas will, wo sich alle einig sind, ist selten Harmonie eingekehrt. Meist ist einfach niemand mehr da. Und hocken mit den Worten von Hannes Ringlstetter:  immer drei Russ’n, a Tschech und a Türk und überlegen, ob des jemals ihr Hoamat wird. Und einigen sich dann auf ja, es is ja sunst koana da.

Deshalb sollte man sich über die erste Beschwerde des Jahres vielleicht sogar ein wenig freuen. Sie ist der sicherste Beweis dafür, dass der Winter gekommen ist. Oder der Frühling. Oder der Sommer. Oder ganz einfach: das ganz normale Leben.