Abundance of Impressions – Du bist so wunderbar…

Seit 1994, als ich den Film Philadelphia das erste Mal sah, erinnere ich mich an einen Dialog. Genauer an ein Zitat der Hauptfigur Andrew Beckett aus dem sog. Airlineurteil von 1973. Er sagt:

„… weil die Vorurteile im Umfeld von Aids einen gesellschaftlichen Tod bewirken können, … der dem physischen Tod vorausgeht.“

In den nun zwei Jahren in denen ich zum Ersten lernte, dass ein Großteil der wandernden Schmerzen in meinem Körper der Borreliose entspringen, mit der ich nun leben muss, lernte ich auch, dass der Körper und die Seele tatsächlich eins sind. Geht es mir körperlich schlecht, fehlt die Lust etwas zu unternehmen, der Antrieb Aufgaben anzugehen und manchmal gar die Hoffnung, dass es wieder besser werden wird. Geht es mir seelisch schlecht meine ich es kompensieren, überspielen zu können. Stark zu sein! Doch hier liegt die Gefahr. Wenn die Seele schmerzt, wenn es brennt im Kopf oder im Herzen, ist es eine Frage der Zeit, dass der Körper mit reagiert. Das unsere Schwachstelle, der Bauch, die Muskeln, der Nacken oder sonst wo sich rührt und sagt: „Hi, hier bin ich! Ich schalt dich aus, ob du willst oder nicht.“ Wir lehren unseren Kindern die Bedingungen der Leistungsgesellschaft. Halten uns für gute Vorbilder beim Arbeiten mit Kopf unter dem Arm. Beim Antworten: „Alles gut!“

Ist wirklich alles gut? „Das vergeht schon wieder! Schlaf mal drüber!“ Stimmt, oft tut es das. Aber die Last bleibt, da hinten. Versteckt hinter dem Hypothalamus. Die kleine Angst. Angst zu versagen. Angst nicht zu gefallen. Angst nicht dazuzugehören. Angst nur Zweiter zu werden. Selbstbild-Fremdbildabgleich. Sehe ich mich selbst so wie die Anderen mich sehen? Bin ich zu hart mit mir? Oder strenge ich mich nicht genug an? Oder bin ich vielleicht so arrogant, dass ich mein eigenes Unvermögen als Leistung als Können einschätze?

Das Gleichgewicht der Seele ist entscheidend für das Gleichgewicht des Körpers. „Mens sana in corpore sano!“ (Juvenal) – In einem gesunden Körper lebt ein gesunder Geist! Das stimmt! Und schon die Kinder lernen es. Doch der Umkehrschluss ist unbekannt – verdrängt. Es braucht einen gesunden Geist, damit der Körper gesunden kann. Es ist wie bei Menschen die imm Begriff sind zu sterben. Viele haben es schon erlebt und können aus der eigenen Erfahrung davon berichten, dass ein naher Angehöriger im Sterben liegt und man auf den Tod wartet. Gemeinsam. Aber der Tod kommt nicht, oder scheint nicht kommen zu wollen.
Im Jahr 2000 gab mir meine Nachbarin Karin Quandt in Berlin in der Königin-Elisabeth-Straße ein Buch von Elisabeth Kübler-Ross welches sich mit den Phasen des Sterbens auseinandersetzt. Seit dem ist mir bewusst, dass der Mensch manchmal die Möglichkeit hat den allerletzten Schritt selbst zu bestimmen. Im Grunde eine einzigartige sehr schöne Vorstellung. Selbst bestimmen zu dürfen wann ich loslasse. Es ist die Bitte etwas zu holen, was der Wartende am Bett erfüllt, damit der Sterbende sterben kann. Vielleicht um das Leid zu ersparen. Vielleicht um den letzten Schritt allein gehen zu dürfen, um Würde zu behalten. Es ist das Gespräch, das Bekenntnis, dass so lang ausblieb und nun endlich ausgesprochen werden konnte. Der Wille, der Geist, die Seele ist der wesentliche Bestandteil des Menschseins. Wenn er in der Lage ist den letzten Schritt in Raum und Zeit zu bestimmen, warum geben wir darauf nicht mehr acht?

Andrew Beckett bezieht seine Aussage auf die Tatsache, dass die Diskriminierung als AIDS-Kranker ihn gesellschaftlich isoliert und ihm, bevor er stirbt, zuerst gesellschaftlich das Leben nimmt. Hier ist es als Sozialkritik zu verstehen die diese Erkrankung per Urteil als Behinderung definiert und damit unter Kündigungsschutz stellt. Über die Zeit seit 1994 nehme ich es für mich immer mehr im Kontext des Lebens als Leben wahr. Das bedeutet, dass es uns nicht als Mensch auszeichnet, das wir die Grundbedürfnisse befriedigen, atmen, essen und schlafen. Es zeichnet den Menschen als Mensch aus, dass er Gefühle hat. Gefühle gegenüber Mitmenschen, Situationen, Orten und gegenüber der gesamten Schöpfung. Leben bedeutet ein Risiko einzugehen, denn wir wissen unsere Zeit ist endlich und wir bewegen uns mit jeder Sekunde die wir verbringen ein Stück mehr auf den Tod zu. Die letzte Phase des Lebens wurde früher allgemein als das Siechtum beschrieben. Kübler-Ross detailliert hier und beschreibt in den fünf Phasen des Sterbens sehr gut was in uns vorgeht.

Zitat – Depression n. Elisabeth Kübler-Ross
Hat der Betroffene realisiert, dass er sterben wird, kann dies mit Depressionen, Ängsten und Trauer einhergehen. Er betrauert die Verluste, die er durch die Erkrankung erleiden muss: Verlust körperlicher Integrität, Verlust persönlicher und beruflicher Chancen, Verlust von nicht Nachholbarem und Wünschen, die er sich in gesunden Tagen nicht erfüllt hat. In dieser Phase ist es sehr wichtig zuzuhören und dem Betroffenen dadurch Entlastung zu bieten.

In der vierten Phase geht es um den Verlust. Nicht den Verlust des Lebens an sich, sondern den Verlust dessen was nicht mehr sein wird, oder gar nicht erst war. Ohne dieses Erkennen ist es schwer akzeptieren zu können, dass es nun so ist wie es ist und das der Tod vor der Tür steht. Bei aller Tragödie hat diese Phase für mich einen beruhigenden tiefen Sinn. Es zeigt, was im Leben wichtig ist. Denn nur das was ich wirklich besitze kann ich wirklich verlieren. Epiktet (Über die Moral) empfiehlt, sich darüber klar zu werden, was ich selbst bestimmen kann und was nicht. Wir meinen über unsere Gesundheit selbst bestimmen zu können. Fataler Fehler! Wir können darüber bestimmen Sie nicht erneut durch Zellgifte zu schädigen. Oder wir können durch gutes Essen und Bewegung dazu beitragen, dass wir eine Chance auf etwas mehr Wohlergehen haben. Aber bestimmen können wir nicht. Wie viele Kerngesunde erkranken schwer. Wieviele junge Menschen wurden schon durch Krebs von uns genommen. Und wie viele rauchen und trinken ein Leben lang und werden doch über 80 Jahre alt.

Aus diesen beiden Polen : „Leben bedeutet das Gegenteil von Verlust!“ und „Ich habe keine Macht über Krankheit und Tod zu entscheiden!“ entsteht für mich eine klare Erkenntnis über das Leben. „Leben bedeutet wesentlich mehr als nur körperlich gesund zu sein. Zudem habe ich keinen Anspruch auf Gesundheit und kann sie nur sehr beschränkt beeinflussen!“

Was ich aber beeinflussen kann ist dieses Gegenteil von Verlust. Nennen wir es Erfüllung. Ich kann mich mit anderen Menschen treffen. Ich kann tanzen. Musik hören. Gestalten. Lieben. Reisen. Erlebnisse teilen und Geschichten erzählen. Denn am Ende des Lebens geht es nicht um die Frage ob ich die Seychellen je gesehen habe. Es geht darum ob ich sie mit dir erleben konnte. Ob ich mit euch getanzt habe. Ob wir musiziert haben und ob das Publikum applaudiert hat. Nicht weil wir das so gut gemacht haben, nein weil wir Freude bereitet haben. Weil wir Liebe gegeben haben. Weil wir Mensch waren und als ganzer Mensch mit unserem Wesen und unserem Sein in Erinnerung bleiben.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sagt im April 2020 im Tagesspiegel: „Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“ Er ist für den Satz kritisiert worden, da er das höchste Grundrecht der Menschenwürde relativiert und die Debatte (wieder) eröffnet ob das Leben des Einen mit dem Leben des Anderen abgewogen werden darf. Dieser These wurde mehrfach, auch vom von mir hochgeschätzen Hans-Jürgen Papier beantwortet. Leben ist gegen Leben im staatlichen Handeln nicht abwägbar. Punkt.
Doch geht es bei den aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der zweiten Welle überhaupt um den Schutz des Lebens? Wäge ich gerade ein Leben gegen ein anderes ab?
Der letzte Satz der Schäuble’schen Aussage bleibt in meinem Kopf. Er sagt im weiter gedacht, dass es kein Recht, keinen Anspruch auf Gesundheit gibt. Es kann auch kein Recht auf Gesundheit geben, da wir weder das Wissen noch die Möglichkeiten haben sicherzustellen, dass alle Menschen immer gesund sind. Wenn es aber weder einen tatsächlichen noch einen rechtlichen Anspruch auf Gesundheit gibt. Warum ordnen wir der Gesunderhaltung derzeit alles unter? Warum suggeriert der Staat dem Bürger, dass durch die Untersagung von Kulturveranstaltungen, durch das Schließen von Gaststätten und Restaurants mit besten Hygienekonzepten und nachweislich geringen Ansteckungsraten damit Krankheit vermieden und Gesundheit erhalten werden kann?

Warum sind heute am Sonntag Allerheiligen – ein Tag vor dem Lockdownlight – alle Lokale in unserer Region restlos ausgebucht? Warum sind selbst kleinste Konzerte und Kulturveranstaltungen an diesem Wochenende ausverkauft und gibt es nicht ein freies Fitnessgerät im Studio, bevor es morgen am Aschermittwoch Nr.2 des Jahres 2020 alles vorbei ist?
Weil Leben mehr bedeutet als Überleben! Weil die Seele nochmal einen tiefen Zug nehmen will, bevor sie morgen zum ein- oder zwei- oder dreimonatigen Tauchgang ansetzt. Denn Niemand vertraut den Aussagen, dass es um den Dezember geht – um Weihnachten. Jeder kennt die Regierung und erlebt durch Aussagen wie: „Kommunen lasst Heizpilze zu, damit die Gastronomie nicht schließen muss!“ Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.

Ja, ich bin bei den FREIEN WÄHLERN. Ja, diese regieren im Land Bayern mit. Ja, die Heizpilzaufforderung kam von unserem Wirtschaftsminister. Und ja, ich verstehe jeden der mit dem Lockdownlight nicht nur das Vertrauen in die bayerische Staatsregierung und die FREIEN WÄHLER verliert. Ich verstehe auch jeden der sich durch diese Entscheidungen vom Prinzip der Parteiendemokratie hinters Licht geführt fühlt. Der im Herbst nächsten Jahres sein Kreuz weiter rechts oder weiter links machen wird, wenn er oder sie überhaupt zum Wählen geht.

Ich kann die Fragen nicht beantworten, die mir nach dem Sinn einzelner Regeln täglich gestellt werden. Mir fehlt die Antwort die es auf diese Frage in der Regel braucht: „Das haben die Menschen, die wir gewählt haben so entschieden! Das ist das Prinzip der Demokratie, dass die Mehrheit entscheidet. Ob es der Minderheit passt oder nicht!“ Ich kann diese Worte nicht sagen, denn weder der Bundestag noch der Landtag hat es entschieden. Es waren 18 Menschen von denen drei vor Ort waren und die anderen 15 per Videochat hinzugeschaltet wurden. Diese haben über 80 Mio. Menschen entschieden und ließen das Ganze am Ende von ihren Parlamenten abnicken. Das wäre wie, wenn ich die Sanierung aller Straßen inkl. Erschließungsbeiträge der Anlieger entscheiden würde, das ins Infoblatt schreibe und dann das Ganze auf die Tagesordnung hebe um es vom Gemeinderat absegnen zu lassen. Was würde da wohl passieren?

Der inzwischen in Ungnade gefallene Sänger Xavier Naidoo sang 2005: „Nicht mit vielen wirst du dir einig sein, doch dieses Leben bietet so viel mehr „. Und ich frage mich erneut, was in meiner Macht liegt um das Leben als Leben zu leben. Jeder von uns kennt mind. eine Antwort auf diese Frage und weiß, dass es eben nicht einfach, wenn nicht sogar unmöglich ist die Vielfalt des Lebens mit wenigen Worten in Gesetzen und Verordnungen auszudrücken. Und so bleibt mir an diesem Tag nur eins. Ich muss akzeptieren. Denn mein Dilemma aus Amt und Mensch lässt keine Alternative zu. Das Einzige was bleibt ist dieser Text. Der Versuch das Unmögliche in Worte zu fassen. Klarheit über das was entschieden wurde zu suchen und doch nicht zu finden. Aber die Möglichkeit auch selbst zu erkennen, dass ich Spielräume habe. Das ich diese nutzen kann. Dass ich mich nochmal vollsaugen kann mit Eindrücken und Orten. Das mich nicht der vorauseilende Gehorsam erfasst. Das ich mich nicht zum Blockwart machen lassen. Für mich waren es die letzten 48 Stunden. Denn was morgen ist weiß ich nicht. Du bleibst so wunderbar.

 

PS: Diese Zeilen entwachsen dem kumulierten Eindruck unserer Berlinreise mit all ihren Herausforderungen und Schönheiten. All ihrem zivilen Ungehorsam und der Erinnerung an einen der schönsten Abende der vergangenen Wochen. Danke FloBêr. Danke Deutsche Bahn. Danke Berlin.

Der Bürgermeister – ein Wunschbild im Spannungsbogen

Bgm. Andreas Horsche vor der neuen Schaubrauerei

Die Kollegen der VG Velden haben auf ihrem Infoblatt eine treffende Übersicht zu den widersprechenden Erwartungen an Bürgermeister*innen veröffentlicht. Auch Dr. Uwe Brandl hat anlässlich der 100 Jahrfeier des Bayerischen Gemeindetags in Worte gefasst was den Bürgermeister/die Bürgermeisterin für die Gemeinde und die Menschen ausmacht. Ich wage zu behaupten, dass nur selten ein solches Spannungsverhältnis zwischen Ansprüchen verschiedener Interessenslagen besteht als bei diesem schönen Amt. Daher möchte ich meine Variante (auch als Rückblick für mich selbst auf die ersten schönen sechs Jahre Bürgermeister) hinzugeben.

 

Der Bürgermeister soll…

  • den Weg in die Ehe bereiten – auch ein zweites oder drittes Mal. Zwischen Nachbarn den Streit um Zaun, Busch, Carport und Blumen schlichten und dabei beiden Seiten allein zu ihrem Recht verhelfen – denn Recht habe ich allein, der Nachbar hat ja keine Ahnung was damals mein Urgroßvater schon für mich geregelt hat.
  • allwissend wie Wikipedia sein. Alle Verwaltungsgesetze, – verordnungen und -rechtssprechungen kennen und vor allem wissen, warum der Gesetzgeber die Grenzbebauung auf max. 9 m und nicht mehr festgelegt hat. Er soll ein Abkürzungsgenie sein und wissen was CSB, BSB, RzWAS, HQ100, ISEK, Z1-2, SAP und UVP  bedeutet und worin der jeweilige Unterschied liegt.
    Exkurs – Begriffe deren Bedeutung  ich vor meiner Bürgermeisterzeit nicht kannte: Prozesswasser, Düker, Denitrifikation, HOAi, deminimis, ex-ante, Fremdwasser, Gummibandtherorie, ILEK, Compliance, Gleitufer, Retention, Geschiebe, autochthon, Vorfluter, Regelquerschnitt, Raumkante

  • etwas von Landwirtschaft, Trinkwasser, Straßenbau, Entwässerung, Städtebau, Betriebswirtschaft, Religion und von angewandter Psychologie verstehen. Er soll Fan von FC Bayern und ein 60er sein. In der Feuerwehr ein TSF-W von einem MLF unterscheiden können und sich im Asylrecht und mit venerischen Infektionskrankheiten auskennen.
  • ein begabter und kurzweiliger Fest-, Trauer- und Grußwortredner, Sportler, Musiker und Witzeerzähler sein.
  • allgegenwärtig die Bilokation beherrschen (an zwei Orten gleichzeitig sein). Er darf niemals krank werden und nie schlafen. Er muss immer im Rathaus sein und gleichzeitig auf der Baustelle. Den Fördergebern in München und Berlin auf dem Schoss sitzen und beim Unfall Erste Hilfe leisten. Sonntagmorgen sitzt er mit der ganzen Familie in der Kirche, am Nachmittag auf dem Fußballplatz und am Abend am Stammtisch. Er schließt dann zu, wenn der Letzte nach der letzten Maß Bier an ihm seinen ganzen Lebensfrust abgeladen hat.
  • immer höflich und zuvorkommend sein. Er ist immer bestens gelaunt, verträgt jeden Spaß und nimmt niemandem nicht mal die schlimmste Beleidigung übel. Er hört sich alles an, nimmt sich für alles Zeit und verspricht allen, dass es genau so wird wie sie es wünschen.
  • dafür sorgen dass Grundstückeigentümer immer etwas mehr Geld bekommen, als der Nachbar für sein Feld zuvor bekam, aber die Grundstücke nach der Baureife zum Sozialtarif als Zweit- oder Dritthaus ausschließlich von Einheimischen erworben werden können. Natürlich ohne Bauzwang, da es ja für die 9-jährige Tochter ist, wenn die später mal heiratet, damit sie nicht nach Hohen… ziehen muss.
  • bei der Arbeit am Morgen der Erste und am Abend der Letzte sein. Die höchsten Spenden hergeben und das meiste Trinkgeld, vor allem wenn das Essen zu wenig war und die Bedienung unfreundlich ist. Er selbst muss bescheiden sein und am besten immer auf einen Teil der Entschädigungen verzichten.
  • jeden Einwohner und jede Einwohnerin persönlich kennen. Immer zuerst grüßen und in sechs Jahren aufholen was 60 Jahre lang verschlafen wurde.
  • kurz gesagt, Übermensch und anspruchsloser Diener in einer Person sein. Dabei ist er auch nur eine Person mit ganz normalen Bedürfnissen  – auch nach Ruhe und Frieden – auch wenn er Bürger-„Meister“ genannt wird.

Volkstrauertag 2019

Meine Rede zum zentralen Gedenken der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft der Gemeinde Furth im Ortsteil Schatzhofen

Wie auch in den vergangenen Jahren prägt auch am Volkstrauertag 2019 ein besonderes Ereignis diese Feierstunde. In 2018 erinnerte ich an die erste bayerische Republik und das Ende des Ersten Weltkrieges, davor prägten Bundestagswahl, die Attentate von Paris und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Ansprache zum heutigen Volkstrauertag.

Heuer ist es der Jahrestag des Mauerfalls und die friedliche Wiedervereinigung der beiden Deutschen Staaten. Eine Wiedervereinigung welche am Ende ein geeintes Europa hervorbrachte und durch die EU-Osterweiterung den Fakt schaffte, dass wir heute ausschließlich von befreundeten Nationen umgeben sind. Hier in Furth erinnern wir mit einer zentralen Feier am 28. November an die friedliche Revolution ohne die ich heute nicht zu Ihnen und euch sprechen könnte.

Für unseren zweiten Bürgermeister Josef Fürst und mich ergab sich die einmalige Möglichkeit die Emotionen des Mauerfalls direkt vor Ort in Berlin am vergangenen Wochenende aufzunehmen. Beim Spaziergang entlang der Eastside-Gallery hörten wir um uns Sprachen aus aller Welt. Menschen aus Amerika bis Asien, die gemeinsam mit uns den Jahrestag DER friedlichen Revolution feiern wollen. An der Bösebrücke der Bornholmer Straße berichteten Zeitzeugen von der Nacht vom 09.11. auf den 10.11.1989 als an der damaligen Grenzübergangsstelle der Oberstleutnant Harald Jäger im Befehlsnotstand die Grenze öffnete. Bei einer einzigartigen Videoinstallation wurden am Alexanderplatz die Kernereignisse der friedlichen Revolution medial aufbereitet. Still standen wir da, im Nebel, in der Kälte, in der Dunkelheit. Am Schicksalstag der Deutschen, an dem vor über 100 Jahren in der Novemberrevolution die erste Republik ausgerufen wurde. Als mit dem Marsch auf die Münchner Feldherrenhalle 1923 die NSDAP erstmals ihre Absichten zeigte. Im Jahr 1938 die Synagogen in der Reichskristallnacht brannten und eben vor 30 Jahren friedlich die Berliner Mauer fiel. Still standen wir da und mir stiegen die Tränen in die Augen.

Was hatten die Menschen damals in der DDR für ein Glück, das anders als am Tianamen in Peking nur wenige Monate zuvor, im Prager Frühling 1968 oder am 17. Juni 1953 die Waffen schwiegen und die Führung der DDR kapitulierte. Was hatten wir alle für ein Glück, dass mit Glasnost und Perestroika durch Michail Gorbatschow das kleine Fenster für die Wiedervereinigung aufgestoßen wurde und mit den 2+4-Gesprächen die Deutsche Wiedervereinigung möglich geworden ist. Unsere europäischen Nachbarn mussten einen harten und steinigen Weg zurücklegen, der in Ländern wie der Ukraine noch heute zu bewaffneten Konflikten führt. Nicht nur dort, auch in Syrien, in Hongkong, in Burundi und an über zwanzig Orten unserer Welt stehen sich in diesem Moment – wo wir uns hier in Schatzhofen versammeln – Menschen mit Waffen gegenüber.

Wir Deutschen haben die einmalige Chance des Herbst 1989 genutzt und das Beste daraus gemacht. Wir leben heute in einem Wohlstand der uns verpflichtet ihn zu teilen. Angelehnt an den Embolismus des „Vater unser“: Es ist Frieden in unseren Tagen. 
Und umso mehr tragen wir Verantwortung für diesen Frieden. Zwischen uns in unseren Familien, in unserem Ort, an unserem Arbeitsplatz, in den Vereinen und in der Gesellschaft. Unsere Leben gehören nicht uns allein. Von der Wiege bis zur Bahre sind wir mit anderen Menschen verbunden, in Vergangenheit und Gegenwart. Und mit jedem Verbrechen und jedem Akt der Güte erschaffen wir unsere Zukunft. Wir tragen Verantwortung! Der Volkstrauertag macht uns diese Verantwortung jedes Jahr aufs Neue bewusst. Er schärft unsere Sinne für die Kommunikation des Hasses. Er erinnert uns, dass Gewalt und Terror nicht von den Waffen ausgeht, sondern von den Menschen die zu den Waffen rufen.

Ich bin dankbar in diesem friedlichen Deutschland leben zu dürfen. Ich bin gern bereit weiter meinen Beitrag für Frieden und Völkerverständigung zu leisten. Ich möchte auch Sie und euch aufrufen euch immer wieder an die Botschaft des Friedens zu erinnern. Nutzt diesen Tag als Zäsur. Als Erinnerung an all die, die ihr Leben und ihre Freiheit gegeben haben, damit wir gemeinsam hier in Frieden und ohne Angst stehen können. Heute erinnern wir uns besonders an die Menschen die in der DDR wegen ihrer Weltanschauung verfolgt wurden und für Frieden und Freiheit an der Mauer ihr Leben verloren haben.

Alle Welt sehnt sich nach Frieden, reicht den Völkern eure Hand


Noch am 19. Januar 1989 sagte der ehem. Staatsratsvorsitzende der DDR Erich Honnecker, dass die Mauer „in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen“ wird. Es ist ein Satz, der in die Geschichte einging, denn 10 Monate später war sie bereits gefallen. Am 07. Oktober 1989 feierte die DDR ihr letztes, ihr 40. Jubiläum. Diese Tage liegen heuer bereits 30 Jahre zurück. Und so begeben wir uns auf den Moment zu, in dem die Zeit der Wiedervereinigung eines geeinten Deutschlands ebenso lang bestanden haben wird, wie die Lebenszeit der DDR. Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit vor dem Mauerfall erinnern. Als Kind in der DDR war es für mich unbegreiflich, warum denn diese DDR so schlimm gewesen sein soll. Nun das war die Sichtweise eines Jungen, der eben nichts anderes kannte. Und eben auch die Herausforderung für 17 Mio. Menschen, dass alles was bisher galt und wichtig war, mit dem Fall der Mauer am 09.11.1989 in Frage gestellt wurde. Wie jede/r DDR- BürgerIn hatte ich mich mit der DDR arrangiert. Es war normal, dass ich eben stundenlang vor dem gut positionierten Radio saß und ich meine Lieblingslieder „Julien“ von Mandy Winter und „The sun always shines on TV“ von A-HA endlich auf einer schon 20 mal überspielten Kassette aufnehmen konnte. Es war normal, dass man beim Beginn der Tagesschau den Fernseher etwas leiser drehte, damit die Nachbarn das „Bong“ und die sechs BrassBand-Akkorde des Intros nicht hörten. Denn schließlich war es für mich als Polizistensohn eigentlich unmöglich Westfernsehen zu sehen – und dann auch noch die Tagesschau! Doch auch dieser Polizist fand seine Nischen, indem er Heilig Abend eben getrennt von seiner Familie in den Gottesdienst ging, den er schon seit fast 25 Jahren jedes Jahr mitgestaltete. Obwohl Kontakt zur Kirche oder zum Glauben verboten war.
Irgendwie freute ich mich aber auch auf diese BRD, auf dieses Westdeutschland. Mit Sehnsucht hatte ich bei meinen Großeltern immer wieder auf ein Plakat mit warmen Farben der Insel Borkum geschaut, auf dem hohe Wellen und eine Abendsonne zu sehen war. So wie auf diesem Bild und wie in der Werbung – um Zehn vor Sieben – stellte ich mir diese BRD immer vor. Bunt muss sie sein! Denn warum sonst heißt sie „Bun(t)esrepublik Deutschland“?
Die Hoffnung wurde erfüllt. Mit den dreimal 100 Mark Begrüßungsgeld ging es nach Fulda/Hessen und bekam ich einen Lego-Technikbagger. Nur 19,90 DM sollte er kosten. Der „Herkules“-Markt hatte auf der Etikettiermaschine die erste „1“ ganz schwach eingestellt, so dass die 119,90 DM von uns als 19,90 DM erkannt wurden. Das wurde die erste nicht-sozialistische Erfahrung meines Lebens.
Aus den Herausforderungen der 90er Jahre sind Kompetenzen entstanden. Wir haben gelernt uns in der neuen bunten Welt zurechtzufinden. Jetzt entstanden nicht nur die versprochenen blühenden Landschaften, sondern mit der EU-Osterweiterung sogar ein vereinter Kontinent, ein vereintes Europa. Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall liegt es immer noch an uns aus dieser Zeit zu lernen und das Wissen von damals an unsere Kinder weiterzugeben. Denn an allen Enden wird derzeit die Axt an das geeinte Europa und an das geeinte Deutschland gelegt. Heute entsteht die Spaltung von innen heraus und kristallisiert sich in Begriffen wie: Wirtschaftsflucht, Klimawandel, Messerattentat, Wohlstandsschere und LGBTQ-Migration. Ich wünsche mir, dass die Freude der Nacht des 09.11.1989 auch 30 Jahre danach noch Menschen in Ihren Bann ziehen kann. Ich wünsche mir, dass wir das Bewusstsein für die Leistung einer deutschen friedlichen Revolution schärfen. Für ein tolerantes Miteinander auf einem geeinten Kontinent, in einem geeinten Europa. Dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint.

Furth – Karagwe: Eine Freundschaft die zu einer kommunalen Partnerschaft werden kann

Seit 13 Jahren besteht die Freundschaft zwischen mir und Charles Bahati. Begonnen hat alles mit einem kaputten Flugzeug welches uns eigentlich über den Victoria See von Mwanza nach Bukoba bringen sollte. Das Flugzeug hatte einen Motorschaden und musste deshalb in die Reparatur. Für mich bedeutet es damals auf mich allein gestellt zu sein und erstmals in einem Land ohne Kenntnis der Sprache, mich zurecht finden zu müssen. Charles Bahati half mir. Er kaufte mir eine örtliche Simkarte und half da weiter wo Englisch aufhörte und Swahili began.

Der Nationalpark Burigi-Chato entstand durch Erklärung des Präsidenten im Juli 2019. Wir waren als erste offizielle Besuchergruppe im Park und sahen „a lot of wild animals“

In der 2. August Woche hatte ich dieses Jahr die Möglichkeit mir einen neuen Eindruck der Entwicklung der Region westlich des Victoriasees zu machen.

Es gibt sehr viele spürbare und sichtbare Fortschritte bei der Infrastruktur und der Situation der Menschen. Nach wie vor bestehen vor allem in den sehr ländlichen Gebieten, nahe des Grenzgebiet zu Ruanda und Uganda, große Defizite. MAVUNO hat seine Aktivitäten auf diese Region ausgeweitet und unterstützt Familien, Bauern und Schulen bei existenziellen Fragen.

Dieses Wasserloch versorgt ca. 6.400 Menschen mit Wasser. Bei aller Tragödie darf man nicht außer Acht lassen, dass die Menschen in der Region es nicht anders kennen

Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Projekts, sowie des ersten Graduationsabschlusses an der Mavuno- Mädchenschule besuchte ich nach 13 Jahren wieder die Region Karagwe.

Mit mir nahm ich die Hoffnung auf gute Kontakte zur Kommunalpolitik als auch zu Verantwortlichen der Regierung. Am Ende war ich stolz darauf ein LoI unterzeichnen zu dürfen und freute mich darüber, dass mit Wallace Mashanda und Innocent Nsena die richtigen Menschen vor Ort ein gleichstarkes Interesse an einer Partnerschaft auf Augenhöhe haben.

Bürgermeister Mashanda und ich unterzeichnen einen Letter of intent

Doch welche Vorteile und Chancen kann eine solche Partnerschaft für eine kleine niederbayerische Gemeinde wie Furth mitbringen?

Der große Gewinn liegt im interkulturellen Austausch. Die Lebensweise der Landbevölkerung Tansanias gibt uns, auf Perfektion ausgerichteten Deutschen, die Möglichkeit unseren Blick auf den Umgang mit unseren Mitmenschen zu weiten. Wir haben die Möglichkeiten Menschen kennen zu lernen, denen es oft an den grundlegenden Bedürfnisse des Lebens fehlt, welche trotzdem mit einer Offenheit Fröhlichkeit und Glücklichkeit durch das Leben gehen, welche uns oft fehlt.

Wir wiederum sind in der Lage aufgrund unserer hohen Industrialisierung und unseres sehr guten Bildungs- und Wissensstandes die Region bei der Bearbeitung von Lösung für ihre Herausforderungen zu unterstützen. Hierbei kommt es nicht darauf an dass wir Finanzmittel oder Sachspenden zur Verfügung stellen. In den vergangenen 40 Jahren wurden zahlreiche solcher materiellen Unterstützungsleistungen durch die europäische Union erbracht. Leider endete es oft damit, dass die Mittel entweder nicht da ankamen wo sie benötigt wurden oder die Sachspende mangels Ausbildung und Wissen nicht eingesetzt werden konnte.

Entsprechend dem Leitsatz: Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben.

Mir geht es darum die Menschen bei ihren Zielen die sie für sich selbst entwickeln zu unterstützen. Mit unserem Wissen und unsere inhaltlichen Vergleichbarkeit können wir dadurch einen wesentlichen Beitrag zur Verhinderung von Hunger und Bildungsmangel und für den Ausbau der Infrastruktur leisten. Am Ende ist das dann zumindest ein indirekter positiver Beitrag zur Bekämpfung von Fluchtursachen auf dem schwarzen Kontinent.

Ich hoffe und wünsche mir dass ich bei dieser Idee Unterstützung durch unsere Bürgerinnen und Bürger sowie durch unseren Gemeinderat erfahren werde.

Nach aktueller Planung möchte ich dazu die Kommunalwahl im März 2020 in Bayern und die Wahl im Oktober 2020 in Tansania abwarten. Bereits Ende Dezember Anfang Januar 2020/2021 soll dann die offizielle Anbahnungsreise einer Further Gruppe hoffentlich mit Unterstützung der SKEW nach Karagwe in Tansania stattfinden.

Der Tansanianische Wirtschaftsminister Innocent Bashungwa, Bürgermeister Wallace Mashanda und ich geben ein sichtbares Zeichen der Verbundenheit

Was für ein Vertrauen

Kirchentag 2019 in Dortmund

Die Slogans der Kirchentage sind meist verkürzte Zitate der Bibel. Auch in Dortmund verweist der Halbsatz „Was für ein Vertrauen“ auf eine Textstelle im Buch der Könige.

Bei dem Kirchentag verbinden sich für mich vielfältige Erwartungen. Während 2017 diese Erwartungen etwas enttäuscht wurden, wurden sie 2019 bereits am zweiten Tag erfüllt. Etwas Input, Zeit zum nachdenken, gemeinsam musizieren und dass Duo Camillo. Das bedeutet für mich Kirchentag. Mit einer sehr guten Podiumsdiskussion über die Frage wie Fake News entstehen und wie man sie erkennt und mit ihnen umgehen kann startet der erste Tag. Am Samstag setzte dann das für mich sehr wichtige Thema „Konservativismus in Abgrenzung zu rechtsradikalem Denken“ einen Kontrapunkt. Mit Dr. Markus Söder und Winfried Kretschmann waren zwei Vertreter der sehr wahrscheinlichen bundespolitischen Zukunft auf der Bühne. Leider wurde das Gespräch lange Zeit von politischem Angriff und politischer Verteidigung dominiert. Doch am Ende fand man 15 Minuten in denen der Gleichklang und die Basis einer schwarz-grünen Bundesregierung zu leuchten begann. Besonders beeindruckt hat mich dabei die Aussage von Winfried Kretschmann, dass die Erreichung klimapolitische Ziele immer auch davon abhängt welche Ressourcen dafür zur Verfügung stehen. Er konkretisierte das Ganze mit den Worten: „… wenn der Deutsche nicht weniger fliegen will, muss eben das Kerosin ökologisch werden.“

Im Ergebnis habe ich vom Dortmunder Kirchentag eine zentrale Botschaft mitgenommen. Es ist an uns, uns zu den Dingen zu äußern die wir falsch oder schlecht bewerten. Dabei können wir das Vertrauen haben, dass sehr viele Menschen mit uns das gleiche denken aber vielleicht (noch) nicht den Mut gefunden haben sich dazu zu äußern. Es ist wichtig dass wir zu dem stehen was wir glauben, auch wenn das der Nächste vielleicht anders sieht.

Respekt und Anerkennung

In unserer heute immer schnelllebigeren Zeit wird es schwierig Orientierung zu finden. Bei der Frage ob ich einen Beruf mein ganzes Leben lang ausüben kann orientierte ich mich immer an den älteren Kollegen die bereits in den Ruhestand gegangen sind oder kurz davor stehen.

Bei der Frage was in meinem Beruf von mir erwartet wird, ist es schon wesentlich schwieriger Orientierung zu finden. Als Bürgermeister hatte ich Doktor Uwe Brandl und Ulrich Maly als Vorbilder. Daher überrascht es mich sehr, dass Ulrich Maly rechtzeitig den Punkt gefunden hat das Amt niederzulegen und mit Glanz und Dank in den Ruhestand gehen zu können.

Ich bin ihm dankbar für alles was ich durch ihn lernen durfte und für seinen Humor mit dem er pointiert die Lage des Bürgermeisters immer wieder auf den Punkt brachte.

Ad multos annos

Die Richtigkeit des Augenblicks

„…und wenn die Stade Zeit vorüber ist, wird’s auch wieder ruhiger!“ (Karl Valentin)

Kein Spruch passt mehr auf das Amt des Bürgermeisters in der Adventszeit. In diesem Jahr ist es besonders intensiv. Nicht nur dass seltsame Post ins Haus flattert. Nein, seit dem 13. November bis zum heiligen Abend geht es toujours durch. Sieben Tage die Woche mit insgesamt vier freien Abenden. „Aber er hat’s ja selber so gewollt!“ hört man den einen und anderen wohlwollend sagen. Stimmt! Ich habe es so gewollt. Und wenn die Gesundheit mitmacht, macht es sogar Spaß. Denn neben dienstlichen Terminen, wie letzten Sitzungen vor dem neuen Jahr gibt es viele Weihnachtsfeiern, Christbaumversteigerungen (eine freundliche Form der Vereinsspendensammlung)  und eben auch private musikalische Termine. Bereits seit 2015 versuche ich den adventlichen Stress zu reduzieren und vor allem musikalisch abzubauen. Denn die Auftritte allein sind es nicht. Es sind Chorproben, Tritonus Brass-Proben, Familienproben und die Proben mit meinem Abensberger Posaunenchor, die schon im Oktober anfangen den Kalender vollzuladen.
Der eine oder andere Leser kennt das. Wenn man überhaupt keine Lust hat irgendwo hinzugehen und das Kanapee verlockend ruft, werden es meist die schönsten und längsten Abende. So war und ist es auch am Abend des 2. Advent. Morgens ging es los mit Adventsgottesdienst und Weihnachtsfeier im Caritas Altenheim. Direkt gefolgt wurde diese von der Christbaumversteigerung des KSK Furth. Zwischendurch wurden Frau und Töchter noch zum Voltigierauftritt gefahren. Um 15.30 Uhr, ebenso vorzeitig wie bei den vorigen Terminen, ging’s auf um nach Abensberg zu fahren. Bei Kälte, Regen und Wind auf einer offenen Bühne wurde dann wirklich gute adventliche Blechbläsermusik den Abensbergern in die Ohren gepustet. Es war lustig auf der Bühne und musikalisch gut unten bei den Menschen. Und bei Glühbier klang der Abend aus. Denn zum Glück wurde kurzfristig das für diesen Abend geplante Konzert von Tritonus Brass in Moosburg abgesagt.

Natürlich ist das Stress! Aber im schönen Hof an der Saale habe ich gelernt, dass man Stress in Eustress und Disstress unterscheiden kann. Eustress ist der Stress, der in der Adventszeit bei mir stattfindet. Er steht für  den positiven Stress. Dieser erhöht die Aufmerksamkeit und fördert die maximale Leistungsfähigkeit des Körpers, ohne ihm zu schaden. Er sichert uns das Überleben. Klar, wünsche ich mir den typischen ruhigen Nachmittag. Mit Kindern um den Adventskranz und Gesellschaftsspielen. Aber eigentlich – ja ich muss es mir endlich einmal eingestehen – ist es dieser Stress, den ich in der Adventszeit brauche. Denn es bedeutet Leben! Und so kommt dieser stressige zweite Advent ziemlich schön daher. Gutes Essen. Anregende Gespräche. Gute Musik. Und ich mittendrin – auch wenn ich ca. 1200 mg Ibuprofen intus habe, da das Bein halt immer noch schmerzt. Wie sang Herbert Grönemeyer so treffend: „Ruhe gibt’s genug nach dem Tod“. Und mit dem Tod meines Amtskollegen Josef Daffner in dieser Woche, wird mir einmal mehr klar, dass es auf eines ankommt: Es gibt nur dieses eine Leben und dieses fordert das JA zum hier und jetzt in der Richtigkeit des Augenblicks.

Kulturlandschaft

Das Bild zeigt den Blick aus dem Gleitschirm nach Landshut. Dieses Bild habe ich dem frisch gewählten Oberbürgermeister der Stadt Landshut zu seiner Wahl geschickt. Es soll den wichtigen Blick auf das große Ganze tragen und den neuen OB im Amt begleiten.

Der Blick auf das große Ganze
Niederbayern und besonders der Raum Landshut ist der Eiweißlieferant Bayerns. Hier wird hochwertiges Protein in Form von Schweinefleisch in einer Dichte produziert, dass damit das 4,3fache des regionalen Bedarfs gedeckt werden kann. Daneben steht BMW und in unserer Region der Flughafen. Die Stadt Landshut und auch die Ingolstädter AUDI wird mit Mitarbeitern aus dem nördlichen Raum Landshuts beliefert. Wenn Bayern der Job- und Wirtschaftsmotor Deutschlands ist, ist der Großraum Landshut bis Straubing der Jobmotor Bayerns. Doch wie lang noch?
Ein positives Teilergebnis der Wirtschaftsstärke ist auch die Wissensbündelung. Denn da wo man gutes Geld verdienen kann, gibt es meist eben hochqualifizierte Jobs. Unsere Gemeinde ist so ein HQ-Lieferant. Wir haben ein hohes Durchschnittsgehaltsniveau und ein hohes Bildungsniveau. Unser Maristen-Gymnasium trägt daran einen beträchtlichen Anteil. Und auch bei der Grundstücksvergabe schaut BMW und der Flughafen aus vielen Lebensläufen von Ingenieuren, Doktoren, Piloten und Fluglotsen.

Das Detail 
Doch wenn wir eine Veranstaltung planen, einen Markt abhalten, Bürgerversammlungen durchführen oder einfach nur einen Maibaum stellen wollen, sieht man immer die gleichen, wenn auch meistens freundlichen, dann doch selben Gesichter. Es sind Handwerker, Dienstleister, Freiberufler, Angestellte, VerkäuferInnen und Hausfrauen die sich Zeit für Gemeinschaft – Zeit für Miteinander und Kultur nehmen. Wir sind nicht gerade die reichste Gemeinde und kein Kulturdezernent hat den ganzen Tag Zeit die nächste Vernissage oder das nächste Konzert zielgruppenscharf zu planen. In Gemeinden mit 3.500 EW ist das Chefsache. D.h. meine Sache. Klar, habe ich ein paar Leute die mich unterstützen. Meine Assistenz, welche die Orga des Abends übernimmt und Mitarbeiter des KU, die Karten abnehmen, den Künstler betreuen und den Weg zur Toilette zeigen. Und dann noch das Gymnasium und sein Rektor, ohne welche es weder Bühne noch Toilette überhaupt gäbe. Wir machen was! Werbung, Anzeigenschalte, Onlineverkauf, Freikarten und …. Nichts! „Man kennt ja den Künstler nicht! Ich habe davon noch gar nichts gehört. Ihr müsstet mal Werbung machen (steht auf Facebook, im Internet, Infoblatt, Zeitung, hängt an allen Anschlägen und findet an einer Schule mit 750 SchülerInnen statt)“. Und einer sagt es dann: „Die fliegen lieber für 500,- € zu zweit nach Berlin zu Coldplay, als das die vor Ort was ausprobieren.“

Was soll ich daraus für Schlussfolgerungen ziehen? Bedeutet Bildung nicht gleich Kulturinteresse? Bedeutet hohes Einkommen nicht gleich auch mal Geld für einen Abend auszugeben, der nicht eindeutig sagt wie er dann endet? Läuft hier vor Ort wirklich nur „de Gruberin“ und „LaBrassBanda“? Haben alle den Freitagabend so ausgeplant, dass einfach nichts mehr geht? Oder ist das Onlineangebot einfach völlig ausreichend? Kann ich mit youtube mir meinen ganz individuellen kostenlosen Kunstgenuss überall und jederzeit einfach aufs Smartphone holen, und das reicht dann?
Ich habe viele Jahre mit Musik und Kultur mein Geld zum Leben verdient. Gut, das war bei der Bundeswehr und jeder Sinfonierorchestermusiker hat nur schief auf den Militärmusiker herabgeschaut, aber es war zu einer Zeit in der selbst in Hinterpfuideifl ein 500er Saal zu über 2/3 gefüllt wurde. Auch wenn das Durchschnittsalter bei 75 lag.
Das besondere dabei war, dass wir Militärmusiker überhaupt nach Hinterpfudeifl wie z.B. Doberlug-Kirchhein, Wriezen, Burg oder Herzberg/Elster gefahren sind. Heute geht das nicht mehr. Denn die Zahl der Orchester wurde derart dezimiert, dass diese Orte einfach nicht mehr in den Aufgabenbereich des mobilen Kulturtransfers gehören. Das wiederum heißt, dass eben nichts mehr ein Aufgabenprofil hat um diese Orte besuchen zu wollen oder zu müssen.

1997 fragte mich der damalige Oberfeldarzt und Regimentskommandeur Dr. Dietlmeier ob ich nicht eine Regimentsmusik aufbauen könnte. Wir probten und marschierten und auf einmal waren wir in der Lage uns auch außerhalb des Übungsraumes zu zeigen. Militärisch und symphonisch. In diese Zeit fiel auch das Gedenken zum Volkstrauertag am Buß- und Bettag des November 1997. Mit Ehrenformation und allen formalen Voraussetzungen lief die Kranzniederlegung und die Feierstunde ab. Wir organisierten Feldtrompeter für das Lied vom guten Kameraden und eine kleine Trommel für den Begleitwirbel während der Kranzniederlegungen.
Aufgeregt und stolz wurde ich heuer erstmalig durch die Standorterweiterung nach Feldkirchen als Bürgermeister meiner Gemeinde eingeladen. Ich gab dafür extra das beste Rehragout der Gemeinde beim Jagdessen an den 2. Bürgermeister ab, um bei Kälte und Dunkelheit draußen in Paradeaufstellung zu stehen. Das war’s dann aber auch schon. Denn die Musik kam inkl. des guten Kameraden aus dem Lautsprecher und die kleine Trommel… Reden wir nicht darüber. Der ältere Mann der KSK tat mir leid.Er hat sich wirklich bemüht.
Danach gab es – der Regierungsvizepräsident nannte es Eintopf – Reis mit Hühnerfrikassee aus den bekannten orangefarbenen Warmhalteboxen der Truppenverpflegung. Im Vertrauen gestand mir der leitende Oberstarzt, dass dafür einfach keine Mittel mehr da sind. Auch das tat mir wirklich leid und ist doch für unsere Kulturlandschaft symptomatisch.

Vielleicht ist youtube ja die Lösung. Kein Künstler mehr zum Anfassen, kein Trompeter am Volkstrauertag und alles was noch analog geht ist Comedy. Weil da brauch ich die Lacher der anderen Gäste um den flachen Gag auch lustig zu finden. Allein vor youtube funktioniert das irgendwie nicht. Da springt der Funke nicht über.
Aber zum Glück gibt es ja noch etablierte Veranstaltungen die schon wieder Tradition geworden sind und dadurch mir ein Gefühl von Heimat und Kultur vermitteln. So freue ich mich auf unser 10. Tritonus-Brass-Konzert im Rahmen des Landshuter Krippenweges in der Dominikanerkirche am 4. Advent. Ach halt. Stimmt ja. Da wurden wir ja vom Verkehrsverein ausgeladen und aus „auf Spendenbasis“ hat man nun „gegen Eintritt“ gemacht. Naja, wenigstens haben wir noch unser Moosburger Konzert am zweiten Advent. Halt stimmt ja. Da dürfen wir jetzt die Sakristei nicht mehr als Aufenthaltsort nutzen und sollen noch 150,- € mitbringen, dafür dass wir ein bisher kostenloses Kulturangebot der blechbläserischen Oberklasse geschaffen hatten.

Irgendwas mache ich falsch, wenn ich als Gemeinde einem Berliner Künstler die Möglichkeit gebe, hier in der niederbayerischen Diaspora dem Menschen eine Steighilfe für  den Blick über den Tellerrand  zu sein. Ich war und bin mehr als mein halbes Leben ein kulturschaffender Mensch gewesen. Doch hier und heute gebe ich es auf.

Schicksalstage im November 2018

Stadtmitte


Vor 100 Jahren war mit der Proklamierung der Republik in München und Berlin der Erste Weltkrieg zu Ende. Vor 80 Jahren brannte in der heutigen Nacht die Berliner und viele andere Synagogen.
Wir sehen wie schwer und blutig der Frieden errungen wurde. Wir sehen welche enorme Anstrengungen es bedarf ihn zu bewahren. Wir sehen wie schnell alles wieder zunichte gemacht werden kann – wenn nur noch schwarz-weiß gedacht wird und einfache Antworten gesucht werden.

Für mich persönlich ist jedes freundliche Wort und jeder wohlwollende Hinweis ein kleiner privater Akt des Friedens.
In der U-Bahn in Berlin bot mir ein Mann mit arabischem Aussehen aufgrund meiner Krücke heute einen Sitzplatz an. Natürlich lehnte ich ab. Sooo fit bin ich schon noch! Dann nahm ich das Angebot letztlich doch an. Beim Hinsetzen viel ich durch die Anfahrt des Zuges fast hin (Gleichgewicht – ich wohne inzwischen auf dem Land). Drei Hände hielten mich fest, so das ich nicht fiel. Eine davon der, der mir den Platz angeboten hat.

„Diese Stadt ist eben doch gar nicht so hart wie du denkst.“

#PeterFox

#schwarzzublau  #friedenbeginntimKleinen